Letzte Woche war ich für drei Tage an einem utopischen Ort mit Community Spirit mit dem Motto “Never Gonna Give You Up“. Insgesamt geht darum Menschen zu sein und die Kontrolle über die Maschinen zu behalten. Parallel dazu findet die Tincon, als Angebot für junge Menschen statt.
Die re:publica bietet ein vielfältiges und reichhaltiges Programm sowie ein Rahmenprogramm und Ausstellungsbereich.
Das Programm ist so vielfältig, dass es schwer fällt sich zu entscheiden. Es gibt 27 Orte an denen Programm stattfindet, das ist trotz gut gemachter Programm-App herausfordernd sich zwischen den insgesamt 675 Programmpunkten zu entscheiden.

Ich gehe, als sozusagen Newbie auf der re:publica, zur Eröffnungsveranstaltung, in der gemeinsam das Motto gesungen wird. Das Openingpanel greift das Veranstaltungsmotto “Never Gonna give you up” auf, es geht um Weitermachen, auch, wenn Grenzen kollabieren, es geht darum Verbündete zu finden, sich zusammen zu schließen, es geht um die Kraft der Verbundenheit und das “was wäre, wenn wir mutig sind” und beginnen Hierarchien zu reetablieren? Wie führt man Veränderungen herbei im Anbetracht von Klimakatastophe, Macht der Techkonzerne und zunehmend autoritären Systemen? Die Panelist:innen sprechen von einer “abgelenkten Gesellschaft” und einer Hegemonie des Misstrauens als lähmendes Gesellschaftsgefühl und laden ein sich mit Zukunftsvisionen abzugeben und Hoffnung zu leben, Räume zu organisieren, um Singularitäten aufzubrechen.
Im Vortrag “Verbinden statt spalten” geht es Gilda Sahebi um Verbindung als Gegenmittel zur Erzählung von “Gut gegen Böse”, welche sie als Grundrezept von autoritären Aufsteigen betrachtet.
Beim Thema Big Tech geht es um Abhängigkeiten und die Frage, warum sich Alternativen nicht ausbreiten. “Gut gemeint” skaliert nicht, Torben Klausa benennt 3 Fake-Sorgen und 3 Gründe für Optimismus. Es braucht nicht die Suchtalgorithmen und auch keine Marktdominanz, es braucht konkrete Problemlösungen sowie Digitale Souveränität, die Interoperabilität und offene Protokolle ermöglicht. Regulierer können als Unterstützer fungieren und Geschäftsmodelle und Innovationen fördern.
Markus Beckedahl, einer der Gründer der re:publica, spricht über den Weg in die digitale Souveränität und sagt, dass Open Source gemeinwohlorientiert ist und als solches anerkannt sein sollte. Er stellt die Big Tech Lobbylandkarte des Zentrums für Digitalrechte vor.

Die Veranstaltung findet in der Station Berlin am Gleisdreieck statt. Rundherum rappeln und quietschen die U-Bahnen und innen wimmelt das Foyer.
Der Ausstellerbereich bot eine wilde Mischung an NGOs, Bundesbehörden, Medienhäusern und Initiativen. Die Stände waren sehr unterschiedlich, boten Gewinnspiele, Fördermitgliedschaften und teilweise auch ein inhaltliches Programm.
Hier frage ich mich, wie es wohl wäre mit einem FOSSGIS-OSM-OSGeo-Stand da aufzutauchen. Was würde es für uns bringen einen Teil der 29.000 Besucher:innen am Stand zu haben?
Ich habe das Programm auch nach Geo und Karten und Open Source Themen durchforstet und war im Beitrag der Technologistiftung Berlin, die den Prototypen des Data Hub für die Berliner Verwaltungsdaten vorstellte. Lisa Stubert und Benjamin Seibel erzählten ihre Vision vom Data Hub, mit dem die Daten leichter nutzar, über Schnittstellen verbindbar werden und mit eingebauten Analysewerkzeugen ganz neue Anwendungen ermöglichen. Sie graben sich in die Datensilos der Fachämter und überzeugen diese von Datenaustausch, Datenkominationen und Analysewerkezeugen, um beispielsweise die Bezirksregionenprofilerstellung zu automatisieren. Interessant war, dass es vor 10 Jahren schon eine Vorstudie gegeben hatte, sich jedoch keiner zuständig fühlte. 2024 hat die Berliner Verwaltung das Thema wieder aufgenommen und erste Pilotprojekte sind umgesetzt. Ob wohl die FOSSGIS 2023 in Berlin in diesem Prozess eine klitzekleine Rolle gespielt hat?
Ein weiterer Beitrag zum Thema Datenhaltung in Kommunen kam aus der Stadt Gütersloh mit der Fragestellung daher, ob Kommune und Digitale Souveränität eine Wunschvorstellung wäre. Amelie Mormann visualisiert den vertrauten Kurs der Arbeit der Kommunen, beleuchtet das Thema Insellösungen und benennt den Bedarf einer organisatorischen Grundlage um die Inseln zu vernetzen, bevor die Abhängigkeiten sich verstärken und die vorhandenen Systeme noch mehr veralten. Die Stadt Gütersloh baut eine urbane Datenplattform und lädt Nachbarkommunen zu interkommunaler Zusammenarbeit ein. Dies sieht sie als Grundlage für Digitale Souveränität.
Spannend war auch wie Laura Dornheim und Jürgen Pfeffer zeigen, wie sie Digitale Souveränität messbar gemacht haben und jetzt einen Score haben, um digitalen Abhängigkeiten, Entscheidungsspielräume und Risiken systematisch zu erfassen. Sie sagen, Digitale Souveränität ist ein Spektrum und es spielen sowohl Open Source, offene Schnittstellen und Datenformate, Standort, Maintaining von Securityupdates und Alternative Lösungen hinein. Sie stellen für die Stadt München drei Strategien heraus: DS wird prozessual verankert, indem es in die Beschaffungsprozesse integriert und Open Source dabei priorisiert wird und sowie gilt, open by default für Eigenentwicklungen.
Bye-bye Big Tech - Schleswig-Holsteins Aufbruch in die digitale Souveränität, davon haben wir auf der FOSSGIS 2026 und an vielen anderen Stellen auch schon gehört. Dirk Schrödter, Chef der Staatskanzlei und Digitalminister sagt, Schleswig-Holstein macht sich als erstes Bundesland auf den konsequenten Weg mit Open Source First, weg von Microsoft & Co., hin zu echter digitaler Souveränität. Er sieht öffentliche Vergabeverfahren als strategischen Hebel für Wertschöpfung und technologische Freiheit.
Zur Frage, wie souverän ist Open Source Software - spricht Mark Neufurth über offenen Quellcode und Engagement, Governance und Infrastruktur. Die Lizenz öffnet Türen, Nutzende sollten bereitwillig zurück geben und offene Schnittstellen nutzen.
Im Bullshit Bingo zur Digitalen Souveränität räumen Marielle-Sophie Düh und Julia Pohle mit Mythen rund um Digitale Souveränität auf, nebenbei gibt es interessante Infos und Hintergründe zum Thema.
Der Beitrag “Mapping ist Macht: Wie Karten als Werkzeuge der Kontrolle dienen” von Anna Lena Schiller beleuchtet die Gefahren und die Ermächtigung von Mapping und sagt: “wer kartiert, entscheidet was existiert, wer kartiert, entscheidet, was sichtbar ist und wer kartiert, entscheidet wer Macht hat”. Am Schluss geht es um sichtbare und unsichtbare Karten und Auswirkungen von Algorithmen, jede Karte gibt es aufgrund einer Absicht und sie unterliegt Entscheidungen, was drauf soll und was weggelassen wird. Die wichtigste Frage, die zu stellen ist, für wen ist die Karte gemacht, wer hat die Karte gemacht und wem nützt sie? Am Schluss erwähnt sie das OpenStreetMap-Projekt als eine der wenigen freien Infrastrukturen, die wir noch haben.
Am Tag 2 ging es um die Frage warum sich junge Menschen engagieren. Ein Experiment des Bundesministeriums für Umwelt präsentierte vier Menschen in Form von Pitches ihre Erfahrungen. Das Thema war Jugendliche ereichen und verschiedene Perspektiven bekommen. Als wichtigste learnings wurden Spaß und Gemeinschaft, eine persönliche Ansprache und auch eine Art abholen (örtlich oder thematisch) benannt.
Im Beitrag zum “Innovationsmaschinenraum Deutschland” zeigen sich 11 Menschen in einer Art Pitch mit ihren Ideen, Botschaften oder Anwendungen. Das BMBF fördert in Kooperation mit der TU München Innovationscluster. Die Unterstützung liegt im Fokus auf Inovationsökosysteme und Unterstützung der Wertschöpfung in Schlüsseltechnologien, wie Quantentechnologie, KI, Microelektronik, klimaneutrale Mobilität. Die Idee ist, aus Studierenden werden Gründer:innen, Forschung wird mit Wirkung aufgeladen und in die Anwendung übersetzt.
Die Gesellschaft für Informatik wirbt dafür, die Ausbildung um Kompetenzen im Digitalen Bereich zu erweitern. Anwender:innenkompetenzen reichen nicht mehr aus, um digital mündig zu bleiben. Es braucht intelektuelles Rüstzeug, um die automatisierte Welt zu verstehen, zu dekonstruieren und zu gestalten.

Eine Betrachtung des Lobbythemas war mit Joris Kanowski spannend, weil er die Big Tech Lobbylandkarte gebaut hat, aus dieser sind Größe, Budgets und Themen ablesbar. Er spricht von allgemeinen und Partikularinteressen, Expertise, Peer Pressure und Agenda Setting und beschreibt einen Teufelskreis, in dem Big Tech den Markt beherrscht, da Ressourcen für politische Einflussnahme / Lobbyismus oder über bestehende Verträge und Öffentlichkeitsarbeit. Er wünscht sich eine stärkere Zivilgesellschaft, die eine Gegenöffentlichkeit herstellt und bessere Argumente findet.
Im Talk danach geht es um das Lobbyregister, welches seit 2022 Transparenz schafft, gesetzlich verankert ist und als Recherchewerkzeug dienen kann.
Arne Semsrott kündigt sein neues Buch an, “Gegenmacht - die Zivilgesellschaft schlägt zurück”, als Anleitung für einen Weg aus der Ohnmacht und Untergangsstimmung und als demokratische Gegenoffensive.
Die Gesellschaft befindet sich derzeit im Dauerkrisenmodus, es fällt schwer sich positives vorzustellen. Die amerikanische Zukunftsforscherin Jane McGonigal sagt: “To create something new, we first have to be able to imagine how things can be different”, soll heißen wir brauchen ein klares Bild wohin wir wollen, denn Zukunftsangst befördert rückwärts gewandte Ideologien.
Insgesamt eine hochspannende Veranstaltung, in der es um Offenheit, Werteorientierung und Resonanz geht, die an meheren Stellen mit dem Neutralitätsnarrative aufräumt. Die Unterschiedlichkeit als Ressource zu sehen und sich die Frage zu stellen, was brauchst Du von mir, damit ich Dir mein volles Potential entfalten kann.
Es ist wunderbar zu sehen, wie viele kluge Köpfe und Initiativen sich um eine positive Zukunft bemühen und welche Früchte es schon trägt.